„Städte werden selten durch eine einzelne Entscheidung zerschnitten. Meist geschieht dies schrittweise – durch Verkehrsinfrastruktur, topografische Barrieren und voneinander isolierte Stadtbausteine. Landschaft besitzt die besondere Fähigkeit, diese Brüche zu heilen – nicht nur indem sie Orte verbindet, sondern indem sie das alltägliche Leben wieder zusammenführt.“
Die Landschaft zwischen den Hügeln zurückgewinnen
Der Südosten Erfurts ist geprägt von großen Wohnquartieren, die ursprünglich als eigenständige Stadtbausteine entstanden. Im Laufe der Jahrzehnte führten leistungsorientierte Verkehrsinfrastrukturen, Höhenunterschiede und voneinander getrennte Freiräume jedoch dazu, dass die Beziehungen zwischen diesen Quartieren zunehmend verloren gingen. Das Tal, das einst als verbindender Landschaftsraum zwischen den Hügeln fungierte, entwickelte sich immer stärker zu einem Verkehrskorridor und verlor seine Bedeutung als gemeinsamer öffentlicher Raum.
Das Projekt Neue Mitte Südost entstand im Rahmen des Wettbewerblichen Dialogs der Landeshauptstadt Erfurt mit dem Ziel, diese Entwicklung umzukehren. Ausgangspunkt war nicht die Gestaltung eines einzelnen Platzes oder Parks, sondern die Frage, wie ein fragmentierter Stadtraum wieder zu einem zusammenhängenden urbanen Landschaftsraum werden kann.
Die Landschaft wird dabei zum ordnenden Prinzip der Stadtentwicklung. Sie verbindet Mobilität, Ökologie und öffentliches Leben zu einem zusammenhängenden räumlichen System und schafft eine neue Mitte für die Stadtteile Herrenberg, Wiesenhügel und Melchendorf. Damit greift das Projekt unmittelbar die Zielsetzung des Modellvorhabens auf, die räumliche und soziale Verbindung der Quartiere zu stärken und einen nachhaltigen Imagewandel des Erfurter Südostens einzuleiten.
Landschaft als tragende Struktur
Die Entwurfsidee beruht auf einer einfachen Überzeugung.
Nicht die Verkehrsinfrastruktur soll den Stadtraum organisieren.
Sondern die Landschaft.
Das Rückgrat des Projekts bildet ein großzügiger Landschaftsboulevard, der sich selbstverständlich durch die vorhandene Topografie bewegt und sämtliche öffentlichen Räume miteinander verknüpft. Er verbindet Brückenplätze, den neuen Stadtplatz, Grünräume und Aktivitätsbereiche zu einer durchgehenden räumlichen Sequenz.
Anstatt Höhenunterschiede als Hindernis zu begreifen, werden sie Teil der räumlichen Erfahrung. Rampen, Terrassen und sanft modellierte Geländeverläufe schaffen barrierefreie Verbindungen und machen Bewegung selbst zu einem Bestandteil des Landschaftserlebnisses.
Der Boulevard ist weit mehr als ein Weg.
Er ist Orientierungssystem, öffentlicher Raum, ökologische Verbindung und identitätsstiftendes Rückgrat zugleich. Genau dieser landschaftliche Zusammenhang bildet das zentrale freiraumplanerische Konzept des Projekts.
Eine neue urbane Mitte
Im Zentrum des Entwurfs entsteht der Neue-Mitte-Platz an der zukünftigen Straßenbahnhaltestelle Abzweig Wiesenhügel.
Seine Bedeutung reicht weit über die Funktion eines Verkehrsknotens hinaus.
Er wird zum alltäglichen Treffpunkt des Stadtteils – einem Ort, an dem Mobilität, Aufenthalt und gemeinschaftliches Leben ineinandergreifen.
Der Platz verbindet Sportanlagen, Einzelhandel, Stadtteilzentrum, Friedhof und Wohnquartiere zu einem gemeinsamen öffentlichen Raum. Flexible Rasenflächen, klimaresiliente Vegetation sowie Bereiche für temporäre Nutzungen ermöglichen eine vielfältige Aneignung im Alltag ebenso wie bei saisonalen Veranstaltungen.
Identität entsteht dabei nicht durch ein repräsentatives Stadtbild, sondern durch die Qualität des täglichen Lebens.
Der Platz wird zum neuen Mittelpunkt des Quartiers, weil er Menschen zusammenführt und unterschiedlichste Nutzungen miteinander verbindet. Die Erläuterung beschreibt ihn ausdrücklich als zentralen Verknüpfungsort zwischen Mobilität, öffentlichen Einrichtungen und nachbarschaftlichem Leben.
Bewegung als räumliches Erlebnis
Mobilität wird im Projekt nicht als rein technische Aufgabe verstanden.
Sie wird zum landschaftlichen Erlebnis.
Die beiden Brückenplätze markieren die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Höhenniveaus und schaffen jeweils eine eigene Atmosphäre.
Während der südliche Auftakt einen ruhigen, von Vegetation geprägten Aufenthaltsbereich bildet, öffnet sich der nördliche Platz als lebendiger Stadtraum mit einer modellierten Sitzlandschaft und weiten Blickbeziehungen über den Erfurter Südosten.
Das Projekt zeigt, dass Barrierefreiheit mehr sein kann als die Erfüllung technischer Anforderungen.
Sie wird zum gestalterischen Prinzip, das Bewegung selbstverständlich, intuitiv und räumlich abwechslungsreich macht.
Landschaft als Klimainfrastruktur
Klimaanpassung ist keine zusätzliche Ebene des Entwurfs.
Sie bildet dessen integralen Bestandteil.
Vegetation, Wasser, Boden und öffentliche Räume wirken als zusammenhängendes ökologisches System.
Vorhandene Großbäume werden weitgehend erhalten und durch klimaresiliente Baumarten ergänzt. Artenreiche Wiesen, extensive Staudenpflanzungen, strukturreiche Gehölzsäume sowie Lebensräume für Insekten und Vögel stärken die Biodiversität und verbessern gleichzeitig das Mikroklima.
Das Regenwassermanagement folgt konsequent dem Prinzip der Schwammstadt. Versickerungsfähige Beläge, Bioswales, Retentionsbereiche und Regenwassergärten halten Niederschläge im Quartier zurück, entlasten die Kanalisation und machen Wasser zu einem sichtbaren Bestandteil des öffentlichen Raums.
Ökologische Leistungsfähigkeit und räumliche Qualität entstehen dabei nicht nebeneinander, sondern durch dieselbe landschaftliche Strategie. Der Erläuterungsbericht beschreibt Biodiversität, klimaangepasste Vegetation und Schwammstadtmaßnahmen ausdrücklich als integrale Bestandteile des Freiraumkonzepts.
Räume für den Alltag
Erfolgreiche öffentliche Räume entstehen nicht dadurch, dass jede Nutzung im Voraus festgelegt wird.
Sie entstehen dadurch, dass sie Menschen Möglichkeiten eröffnen.
Entlang des Landschaftsboulevards wechseln sich Bewegungsangebote, offene Wiesenräume, ruhige Aufenthaltsbereiche und gemeinschaftliche Freiflächen ab.
Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, Pendlerinnen und Pendler sowie Besucher erleben denselben Landschaftsraum auf unterschiedliche Weise und bleiben dennoch Teil eines gemeinsamen öffentlichen Gefüges.
Die Landschaft schreibt keine Nutzung vor.
Sie schafft Voraussetzungen für Aneignung.
Gerade darin liegt ihre soziale Resilienz.
Mehr als Stadterneuerung
Die Neue Mitte Südost ist weit mehr als die Umgestaltung eines Verkehrsknotens.
Das Projekt entwickelt eine neue Vorstellung davon, wie Landschaft Stadt organisieren kann.
Anstatt Infrastruktur als trennendes Element zu akzeptieren, nutzt der Entwurf Landschaft als verbindendes Medium zwischen Stadtteilen, Menschen und ökologischen Prozessen.
Mobilität, Klimaanpassung, Biodiversität und öffentlicher Raum werden nicht als voneinander getrennte Disziplinen verstanden.
Sie bilden gemeinsam ein zusammenhängendes landschaftliches System.
So entsteht nicht lediglich ein neuer Platz.
Es entsteht eine neue Beziehung zwischen Landschaft und Stadt.
Mein Beitrag
Als Landscape Design Lead war ich verantwortlich für die Entwicklung des freiraumplanerischen Gesamtkonzepts und die Übersetzung der städtebaulichen Zielsetzungen in eine zusammenhängende landschaftsarchitektonische Strategie.
Mein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung des Landschaftsboulevards als ordnender Freiraumstruktur, der Integration von Klimaanpassung und Schwammstadtprinzipien, der landschaftlichen Gestaltung des öffentlichen Raums sowie der Entwicklung der ökologischen Gesamtstrategie.
Gemeinsam mit Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten, INVER GmbH und den weiteren Fachplanenden koordinierte ich die landschaftsarchitektonische Planung innerhalb des interdisziplinären Teams.
Mein Anspruch bestand darin, Landschaft nicht als Ergänzung der Infrastruktur zu verstehen, sondern als jene Infrastruktur, die die Stadt wieder miteinander verbindet.
Projektinformationen
- Auftraggeber
- Landeshauptstadt Erfurt
- Ort
- Erfurt, Deutschland
- Jahr
- 2025
- Verfahren
- Wettbewerblicher Dialog nach § 18 VgV
- Ergebnis
- 2. Preis
- Rolle
- Landscape Design Lead
- Leistungen
- Landschaftsarchitektur · Freiraumplanung · Stadtplatzgestaltung · Klimaanpassung · Schwammstadt · Biodiversität · Öffentlicher Raum
- Projektpartner
- Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten · ensphere GmbH · INVER GmbH – Verkehrsplanung
Bildnachweise
Pläne, Diagramme und Skizzen © ensphere GmbH, Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten und INVER GmbH.
Alle Zeichnungen und Abbildungen verbleiben im Eigentum der verantwortlichen Büros.


