„Historische Stadtzentren bleiben nicht deshalb lebendig, weil sie unverändert bewahrt werden. Sie bleiben bedeutend, weil jede Generation neue Wege findet, sie behutsam weiterzuentwickeln, ohne die Geschichte zu verlieren, die ihre Identität prägt.“
Eine historische Innenstadt für die Zukunft weiterdenken
Die Verdener Altstadt ist seit Jahrhunderten das politische, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum der Stadt. Ihre Identität wird nicht von einem einzelnen Platz bestimmt, sondern durch das Zusammenspiel dreier eng miteinander verbundener Stadträume: Lugensteinplatz, Anita-Augspurg-Platz und Domplatz.
Jeder dieser Plätze besitzt eine eigene Geschichte, Atmosphäre und Funktion. Gemeinsam bilden sie jedoch ein zusammenhängendes Gefüge öffentlicher Räume, in dem Alltag, Geschichte und städtisches Leben aufeinandertreffen.
Der Entwurf geht von einer grundlegenden Frage aus:
Wie können drei eigenständige Plätze zu einer zusammenhängenden Stadtlandschaft werden, ohne ihre jeweilige Identität zu verlieren?
Anstatt jeden Platz isoliert zu betrachten, entwickelt das Konzept eine gemeinsame landschaftsarchitektonische Struktur, die ihre räumlichen Beziehungen stärkt und gleichzeitig den individuellen Charakter jedes Ortes bewahrt.
Landschaft wird dabei zum verbindenden Element der Stadt – nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch Kontinuität.
Landschaft als gemeinsame Sprache
Der Entwurf folgt keinem wiederholten Formenvokabular, sondern einer gemeinsamen räumlichen Sprache.
Materialität, Vegetation und das wiederkehrende Motiv des Kreises schaffen einen gestalterischen Zusammenhang über alle drei Plätze hinweg, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
Die Kreisform ist dabei weit mehr als ein grafisches Motiv.
Sie steht für Orientierung, Begegnung und Bewegung und verbindet die unterschiedlichen Stadträume zu einer zusammenhängenden räumlichen Sequenz.
Die Landschaft legt der historischen Stadt keine neue Identität auf.
Sie macht die vorhandenen Qualitäten sichtbar und stärkt ihre räumlichen Beziehungen.
Lugensteinplatz
Das Eingangstor zur Altstadt
Als nördlicher Auftakt der historischen Innenstadt vermittelt der Lugensteinplatz zwischen Dom, Fußgängerzone und Marktplatz.
Seine Neugestaltung stärkt diese besondere Rolle durch einen großzügigen Pflasterkreis, der den Zugang zum Dom räumlich fasst und historische Bezüge unmittelbar in den Boden integriert.
Der Platz bleibt ein flexibler Stadtraum, der Wochenmärkte, Veranstaltungen und den Alltag gleichermaßen aufnehmen kann und gleichzeitig neue ökologische Qualitäten erhält.
Versickerungsfähiges Pflaster reduziert die Versiegelung, ohne die Nutzbarkeit einzuschränken.
Klimaresiliente Baumarten ergänzen den wertvollen Bestand und verbessern durch Verschattung und Verdunstung das Mikroklima.
Interaktive Wasserfontänen schaffen Kühlung an heißen Sommertagen und können für Veranstaltungen flexibel außer Betrieb genommen werden.
Auch kleine Elemente erhalten eine neue Bedeutung.
Das lokale Wahrzeichen „Mückenschiss“ wird auf einem begrünten Podest neu inszeniert und entwickelt sich zu einem identitätsstiftenden Treffpunkt innerhalb des Stadtraums.
Anita-Augspurg-Platz
Eine Landschaft der Demokratie
Zwischen Dom und Innenstadt übernimmt der Anita-Augspurg-Platz eine besondere städtebauliche Aufgabe.
Er bildet das räumliche Gelenk zwischen den drei Plätzen und stärkt ihre funktionale und gestalterische Verbindung.
Durch die Neuordnung des Straßenraums entsteht eine großzügige, barrierefreie Platzfläche, in der Fußgängerinnen und Fußgänger eindeutig Vorrang erhalten.
Die Materialität des Lugensteinplatzes wird fortgeführt und durch Baumreihen, begrünte Stellplätze sowie versickerungsfähige Beläge ergänzt.
Der Platz erzählt jedoch auch Geschichte.
Ein neues Reiterdenkmal erinnert an Anita Augspurg, Juristin, Frauenrechtlerin und eine der bedeutendsten Stimmen der deutschen Demokratiebewegung.
Die Landschaft unterstützt diese Erzählung.
Ein grünes Band führt durch den Platz und verbindet Sitzbereiche, Fahrradstellplätze und digitale Informationspunkte miteinander. Über QR-Codes werden historische Inhalte unmittelbar im öffentlichen Raum zugänglich und machen Geschichte Teil des täglichen Stadterlebnisses.
So entsteht kein Denkmal auf einem Platz.
Es entsteht eine Landschaft, die Geschichte vermittelt.
Domplatz
Landschaft im Dialog mit dem kulturellen Erbe
Südlich des Doms öffnet sich der Domplatz als einer der bedeutendsten historischen Freiräume Verdens.
Die Neugestaltung verfolgt bewusst einen zurückhaltenden Ansatz.
Nicht der Kontrast, sondern die behutsame Weiterentwicklung des Bestands steht im Mittelpunkt.
Gezielte landschaftliche Eingriffe erhöhen die Aufenthaltsqualität und stärken gleichzeitig die ökologische Leistungsfähigkeit des Platzes.
Teilbereiche der wassergebundenen Flächen werden durch Schotterrasen ersetzt und verbessern sowohl die Versickerung als auch den Grünanteil.
Blühwiesen greifen die Geschichte der ehemaligen Klostergärten auf und schaffen wertvolle Lebensräume für Insekten und andere Bestäuber.
Die große Veranstaltungswiese bleibt erhalten, wird jedoch durch sanfte Geländemodellierungen ergänzt, die neue Aufenthaltsorte schaffen und den Blick auf den Dom inszenieren.
Im Bereich der Andreaskirche sorgen lichte Staudenpflanzungen für mehr Biodiversität, jahreszeitliche Dynamik und räumliche Klarheit.
Der bestehende Spielplatz entwickelt sich zu einem generationenübergreifenden Bewegungsraum, der Spiel, Bewegung und Aufenthalt innerhalb der gemeinsamen Gestaltungssprache des Projekts vereint.
Wasser, Klima und Biodiversität
Obwohl das Projekt tief im historischen Kontext verwurzelt ist, richtet sich sein Blick konsequent auf die Zukunft.
Klimaanpassung wird nicht als zusätzliche technische Ebene verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Landschaft.
Versickerungsfähige Beläge, Schotterrasen und dezentrale Regenwasserbewirtschaftung verbessern den natürlichen Wasserkreislauf und reduzieren die sommerliche Überhitzung der Innenstadt.
Klimaresiliente Baumarten stärken das städtische Kronendach.
Artenreiche Pflanzungen fördern Biodiversität und schaffen ökologisch wertvolle Lebensräume.
Wasser wird zugleich Infrastruktur und Erlebnis.
Die Wasserfontänen leisten einen Beitrag zur Verdunstungskühlung und erhöhen gleichzeitig die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums.
Nachhaltigkeit erscheint damit nicht als technische Ergänzung.
Sie wird Teil der historischen Stadtlandschaft selbst.
Eine Landschaft, die Vergangenheit und Zukunft verbindet
Die Neugestaltung der Verdener Innenstadt zeigt, dass Landschaftsarchitektur gleichzeitig auf unterschiedlichen Zeitebenen wirken kann.
Sie bewahrt die Geschichte eines Ortes und bereitet ihn zugleich auf die Herausforderungen des Klimawandels vor.
Sie stärkt Identität, ohne nostalgisch zu werden.
Sie integriert zeitgemäße ökologische Strategien, ohne das historische Erbe zu überformen.
Das Projekt versteht die drei Plätze deshalb nicht als einzelne Gestaltungsaufgaben.
Es begreift sie als zusammenhängende Stadtlandschaft, in der Geschichte, öffentlicher Raum und ökologische Zukunftsfähigkeit untrennbar miteinander verbunden sind.
Mein Beitrag
Als Landscape Design Lead war ich verantwortlich für die Entwicklung des landschaftsarchitektonischen Gesamtkonzepts sowie der räumlichen Strategie, die Lugensteinplatz, Anita-Augspurg-Platz und Domplatz zu einer zusammenhängenden Stadtlandschaft verbindet.
Mein Schwerpunkt lag auf der Übersetzung des historischen Stadtkerns in einen zeitgemäßen öffentlichen Raum, der Klimaanpassung, Biodiversität und wassersensible Freiraumplanung selbstverständlich integriert und gleichzeitig die historische Identität Verdens bewahrt.
Ich entwickelte die freiraumplanerische Leitidee, die räumliche Hierarchie der öffentlichen Räume, die Vegetationsstrategie sowie das ökologische Gesamtkonzept in enger Zusammenarbeit mit Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten.
Das Projekt hat meine Überzeugung bestätigt, dass Landschaftsarchitektur eine besondere Fähigkeit besitzt, zwischen Geschichte und Zukunft zu vermitteln – nicht indem sie sich für das eine oder das andere entscheidet, sondern indem sie beide in einem gemeinsamen öffentlichen Raum zusammenführt.
Projektinformationen
- Auftraggeber
- Stadt Verden (Aller)
- Ort
- Verden, Deutschland
- Projekt
- Umgestaltung von Lugensteinplatz, Anita-Augspurg-Platz und Domplatz
- Leistung
- Landschaftsarchitektur · Freiraumplanung · Historische Stadträume · Klimaanpassung · Biodiversität · Wassersensible Stadtgestaltung
- Partner
- Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten · ensphere GmbH
Bildnachweise
Alle Projektzeichnungen und -bilder verbleiben © ensphere GmbH und Kortemeier Brokmann Landschaftsarchitekten.


