Isometrische Zeichnung des neuen Quartiers aus der Vogelperspektive: weiße Wohnblöcke zwischen Bäumen, grüne Plätze, Wassergräben, Kleingärten und der Cuxhavener Funkturm im Hintergrund.
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Westerwischloop

Wo Landschaft Nachbarschaft entstehen lässt

Cuxhaven, Deutschland · Wettbewerb, 2. Preis · ensphere GmbH

„Nachbarschaften entstehen nicht allein durch Gebäude. Sie wachsen aus den alltäglichen Beziehungen zwischen Straßen, Parks, Wasser, Bewegung und den öffentlichen Räumen, in denen Menschen einander begegnen. Landschaft schafft den Rahmen, in dem Gemeinschaft entstehen kann.“

Ein Quartier entwerfen, bevor es bewohnt wird

Westerwischloop ist ein neuer Stadtteil am südlichen Rand von Cuxhaven.

Anstatt Landschaft als den Raum zu verstehen, der nach der städtebaulichen Planung übrig bleibt, stellt das Projekt sie in den Mittelpunkt der Quartiersentwicklung.

Der Masterplan organisiert den neuen Stadtteil als drei eigenständige Nachbarschaften, die durch ein zusammenhängendes Landschaftssystem miteinander verbunden werden. Jede entwickelt ihre eigene Identität und bleibt zugleich Teil eines gemeinsamen Ganzen. Dieses Prinzip – drei Nachbarschaften, verbunden durch eine gemeinsame räumliche Struktur – bildet das Fundament des gesamten städtebaulichen Konzepts.

Der Entwurf stellt eine grundlegende Frage:

Rendering eines Grünraums zwischen pastellfarbenen Wohngebäuden mit großen Bäumen, spazierenden Menschen und Vogelschwärmen.
Blick über einen gemeinsamen Grünraum am Loop: Wohnhäuser unterschiedlicher Höhe um Bäume, Spiel und den offenen Entwässerungsgraben. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Wie kann Landschaft sozialen Zusammenhalt schaffen, bevor ein Quartier überhaupt bewohnt wird?

Die Antwort liegt nicht in ikonischer Architektur.

Sie liegt in der Gestaltung des alltäglichen öffentlichen Raums.

Diagramm des Grundstücks mit drei weißen Baufeldern I bis III, einer Fläche B, grünen Verbindungsräumen und angrenzenden Kleingärten. Diagramm mit einer rosafarbenen Loop-Linie durch grüne Korridore zwischen den Baufeldern. Diagramm dunkler Baublöcke mit einer rosafarbenen Loop-Route, die sie verbindet. Diagramm der Loop-Route mit rosa Quadraten an zentralen Orten in den Baufeldern. Schwarzplan-Diagramm der Baublöcke mit rosa markierten Kanten und Pfeilen auf graue Freiräume im Inneren der Blöcke.
Das städtebauliche Konzept in fünf Schritten: drei Baufelder in einem durchgehenden grünen Rahmen — der Landschaftsloop als verbindender Weg, die Baukörper der drei Nachbarschaften, Plätze und Mobilitätspunkte entlang des Loops und die Blockstruktur mit gemeinschaftlichen Höfen. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Landschaft vor Straßen

Die räumliche Struktur des Quartiers beginnt nicht mit Verkehrsinfrastruktur, sondern mit der Landschaft.

Drei Nachbarschaftszentren werden als grüne Inseln organisiert, jeweils mit einem eigenen Quartiersplatz als Mittelpunkt und verbunden durch einen durchgehenden landschaftlichen Loop.

Anstatt Bewegung und öffentliches Leben voneinander zu trennen, wird dieser Loop gleichzeitig Erschließungssystem und öffentlicher Landschaftsraum.

Er schafft Orientierung, verbindet die wichtigsten Freiräume und eröffnet Möglichkeiten zum Gehen, Radfahren, Verweilen und für spontane Begegnungen.

Zwei sich ergänzende Promenaden verstärken diese Struktur.

Die urbane Promenade verbindet die Quartierszentren und das alltägliche öffentliche Leben.

Die landschaftliche Promenade führt ruhig durch Parks und Grünräume und schafft einen fließenden Übergang in die umgebende Küstenlandschaft.

Die Landschaft wird damit zur primären ordnenden Struktur des gesamten Quartiers.

Lageplan des Quartiers mit Baublöcken, grünen Höfen, baumbestandenen Wassergräben und der umgebenden Siedlung.
Lageplan 1:1000: die drei Nachbarschaften, verbunden durch den Landschaftsloop, mit den erhaltenen Entwässerungsgräben als grüne Ränder. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Ein Quartier für den Alltag

Das Projekt geht davon aus, dass lebendige Nachbarschaften nicht durch außergewöhnliche Ereignisse entstehen, sondern durch die Routinen des täglichen Lebens.

Die Wohnangebote sind bewusst vielfältig gestaltet und bieten Raum für unterschiedliche Haushaltsformen und Lebensphasen.

Die Quartiersplätze schaffen Orte für alltägliche Begegnungen, während großzügige Grünräume Spiel, Erholung und gemeinschaftliche Aktivitäten ermöglichen.

Eine Kindertagesstätte nimmt eine zentrale Rolle innerhalb des Quartiers ein. Ihr geschützter Außenraum stärkt die soziale Infrastruktur und schafft einen wichtigen Treffpunkt für Familien. Ergänzend werden Mobility Hubs unmittelbar in die Nachbarschaftszentren integriert und machen gemeinschaftliche Mobilitätsangebote bequem zu Fuß erreichbar.

Der öffentliche Raum wird damit nicht als Zusatzangebot verstanden.

Er bildet die Grundlage des täglichen Zusammenlebens.

Detaillierter Lageplan mit Gebäudegrundrissen, einem baumbestandenen Platz, Höfen mit Spielplätzen und einem blaugrünen Graben.
Vertiefung 1:500: Quartiersplatz, gemeinschaftliche Höfe mit Spielbereichen und grüne Wohnwege am Wassergraben. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Mobilität als öffentlicher Raum

Das Mobilitätskonzept richtet sich konsequent am Menschen aus und nicht am Auto.

Der motorisierte Verkehr bleibt auf den äußeren Erschließungsring beschränkt.

Innerhalb der Nachbarschaften dominieren grüne Wohnwege, auf denen Fußgängerinnen, Radfahrer und spielende Kinder Vorrang haben.

Eine flexible Straßenzone verbindet Pflanzflächen, Sitzgelegenheiten, Fahrradabstellanlagen, Sharing-Angebote und Aufenthaltsbereiche zu einem multifunktionalen öffentlichen Raum.

Der ruhende Verkehr konzentriert sich in Mobility Hubs und Tiefgaragen, wodurch die Präsenz privater Fahrzeuge im Quartier deutlich reduziert wird.

Mobilität wird dadurch Teil der Landschaft – nicht ihr Gegensatz.

Axonometrische Zeichnung einer Wohnstraße mit Straßenbäumen, Regengärten, Bänken, Fahrradbügeln und markierten Carsharing-Stellplätzen.
Die flexible Straßenzone: Pflanzflächen, Sitzgelegenheiten, Fahrradabstellplätze und Carsharing in einem multifunktionalen Raum. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Mit dem Wasser leben

Die unmittelbare Nähe zur Nordsee verlangt nach einer Landschaft, die Wasser nicht verdrängt, sondern integriert.

Anstatt das bestehende Graben- und Entwässerungssystem zu ersetzen, wird es erhalten und als ökologisches Rückgrat des Quartiers weiterentwickelt.

Regenwassergärten, Versickerungsflächen und quartiersbezogene Retentionsräume bilden gemeinsam eine integrierte Schwammstadtstrategie.

Jeder Baublock bewirtschaftet Niederschlagswasser vor Ort, während ein zentraler Wasserpark sowohl Retentionsraum als auch Erholungslandschaft schafft.

Wasser wird dadurch nicht nur als technische Infrastruktur wahrgenommen.

Es wird Teil der alltäglichen Landschaft und prägt Identität sowie Klimaresilienz des Quartiers.

Langer Schnitt durch das Quartier mit Beschriftungen zu Regenwasser, Gründächern, Photovoltaik, Höfen, Mobility Hub und Gärten.
Schnitt B–B′ (1:500): Regenwasser von den Gründächern speist das urbane Gewässer; Lärmschutzwall, Röhrichtstreifen, Mobility Hub und Gemeinschaftsgärten im Profil. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Klimaresilienz durch Landschaft

Die Anpassung an den Klimawandel ist nicht auf einzelne technische Maßnahmen beschränkt.

Sie durchzieht den gesamten öffentlichen Raum.

Klimaresiliente Baumarten stärken das städtische Kronendach.

Artenreiche Pflanzungen fördern Biodiversität und ökologische Vielfalt.

Naturnahe Materialien reduzieren den Pflegeaufwand und verbessern gleichzeitig die langfristige ökologische Leistungsfähigkeit.

Ein durchgehendes Netz wohnungsnaher Grünräume bietet Raum für Erholung, Urban Gardening, Kinderspiel und generationenübergreifende Begegnungen.

Diese Freiräume sind bewusst so verteilt, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner die Natur innerhalb weniger Gehminuten erreichen können.

Landschaft wird nicht nachträglich ergänzt.

Sie bildet die ökologische Infrastruktur, auf der das Quartier aufbaut.

Langer Schnitt durch das Quartier mit Beschriftungen zu Gärten, Nachbarschaftsplätzen, Mobility Hubs, blaugrünem Anger und Entwässerungsgräben.
Schnitt A–A′ (1:500): vom Graben und den privaten Gärten über das Multifunktionsband, Nachbarschaftsplätze und Mobility Hubs bis zum Gewerbegebiet. · © ensphere GmbH · Herz Architekten – Studio Weiter

Gemeinschaft durch Landschaft

Der Masterplan Westerwischloop zeigt, dass Landschaftsarchitektur Gemeinschaft lange vor dem Einzug der ersten Bewohnerinnen und Bewohner gestalten kann.

Der öffentliche Raum wird zum Medium, das ökologische Systeme, Mobilität und den Alltag miteinander verbindet.

Anstatt Umweltqualität und städtebauliche Qualität getrennt zu betrachten, versteht der Entwurf beide als Ausdruck derselben räumlichen Strategie.

Letztlich geht es bei diesem Projekt nicht nur um die Entwicklung eines neuen Wohnquartiers.

Es geht darum, jene räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, unter denen aus einem Quartier eine Nachbarschaft werden kann.

Mein Beitrag

Als Landscape Design Lead und Projektleiterin bei ensphere GmbH war ich verantwortlich für die Entwicklung der landschaftsarchitektonischen Gesamtstrategie sowie für die Koordination der Integration von Landschaft, Mobilität und Klimaresilienz innerhalb des interdisziplinären Masterplanungsprozesses.

Mein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung der landschaftlichen Grundstruktur des Quartiers – einschließlich des durchgehenden Loops, der Hierarchie der öffentlichen Räume, der Strategie für blau-grüne Infrastruktur, wassersensibler Stadtgestaltung, Biodiversitätsförderung sowie der Gestaltung der wohnungsnahen Freiräume.

In enger Zusammenarbeit mit Herz Architekten koordinierte ich die landschaftsarchitektonische Planung während des gesamten Wettbewerbsverfahrens und stellte sicher, dass der öffentliche Raum zur tragenden Struktur wurde, welche städtische Identität, ökologische Leistungsfähigkeit und das alltägliche Leben miteinander verbindet.

Dieses Projekt hat meine Überzeugung gestärkt, dass Landschaftsarchitektur weit mehr leistet als die Gestaltung von Orten.

Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass Gemeinschaft entstehen kann.

Projektinformationen

Auftraggeber
Stadt Cuxhaven
Ort
Cuxhaven, Deutschland
Wettbewerbsergebnis
2. Preis
Projekt
Wohnquartier südlich Westerwischstrom
Rolle
Landscape Design Lead · Projektleiterin – ensphere GmbH
Leistungen
Landschaftsarchitektur · Freiraumplanung · Städtebaulicher Masterplan · Blau-grüne Infrastruktur · Wassersensible Stadtentwicklung · Klimaanpassung · Biodiversitätsstrategie
Architekturpartner
Herz Architekten – Studio Weiter

Bildnachweise

Wettbewerbsbeitrag von ensphere GmbH mit Herz Architekten – Studio Weiter.

Zeichnungen, Diagramme und Visualisierungen verbleiben © ensphere GmbH und Herz Architekten – Studio Weiter.

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