„Nachbarschaften entstehen nicht allein durch Gebäude. Sie wachsen aus den alltäglichen Beziehungen zwischen Straßen, Parks, Wasser, Bewegung und den öffentlichen Räumen, in denen Menschen einander begegnen. Landschaft schafft den Rahmen, in dem Gemeinschaft entstehen kann.“
Ein Quartier entwerfen, bevor es bewohnt wird
Westerwischloop ist ein neuer Stadtteil am südlichen Rand von Cuxhaven.
Anstatt Landschaft als den Raum zu verstehen, der nach der städtebaulichen Planung übrig bleibt, stellt das Projekt sie in den Mittelpunkt der Quartiersentwicklung.
Der Masterplan organisiert den neuen Stadtteil als drei eigenständige Nachbarschaften, die durch ein zusammenhängendes Landschaftssystem miteinander verbunden werden. Jede entwickelt ihre eigene Identität und bleibt zugleich Teil eines gemeinsamen Ganzen. Dieses Prinzip – drei Nachbarschaften, verbunden durch eine gemeinsame räumliche Struktur – bildet das Fundament des gesamten städtebaulichen Konzepts.
Der Entwurf stellt eine grundlegende Frage:
Wie kann Landschaft sozialen Zusammenhalt schaffen, bevor ein Quartier überhaupt bewohnt wird?
Die Antwort liegt nicht in ikonischer Architektur.
Sie liegt in der Gestaltung des alltäglichen öffentlichen Raums.
Landschaft vor Straßen
Die räumliche Struktur des Quartiers beginnt nicht mit Verkehrsinfrastruktur, sondern mit der Landschaft.
Drei Nachbarschaftszentren werden als grüne Inseln organisiert, jeweils mit einem eigenen Quartiersplatz als Mittelpunkt und verbunden durch einen durchgehenden landschaftlichen Loop.
Anstatt Bewegung und öffentliches Leben voneinander zu trennen, wird dieser Loop gleichzeitig Erschließungssystem und öffentlicher Landschaftsraum.
Er schafft Orientierung, verbindet die wichtigsten Freiräume und eröffnet Möglichkeiten zum Gehen, Radfahren, Verweilen und für spontane Begegnungen.
Zwei sich ergänzende Promenaden verstärken diese Struktur.
Die urbane Promenade verbindet die Quartierszentren und das alltägliche öffentliche Leben.
Die landschaftliche Promenade führt ruhig durch Parks und Grünräume und schafft einen fließenden Übergang in die umgebende Küstenlandschaft.
Die Landschaft wird damit zur primären ordnenden Struktur des gesamten Quartiers.
Ein Quartier für den Alltag
Das Projekt geht davon aus, dass lebendige Nachbarschaften nicht durch außergewöhnliche Ereignisse entstehen, sondern durch die Routinen des täglichen Lebens.
Die Wohnangebote sind bewusst vielfältig gestaltet und bieten Raum für unterschiedliche Haushaltsformen und Lebensphasen.
Die Quartiersplätze schaffen Orte für alltägliche Begegnungen, während großzügige Grünräume Spiel, Erholung und gemeinschaftliche Aktivitäten ermöglichen.
Eine Kindertagesstätte nimmt eine zentrale Rolle innerhalb des Quartiers ein. Ihr geschützter Außenraum stärkt die soziale Infrastruktur und schafft einen wichtigen Treffpunkt für Familien. Ergänzend werden Mobility Hubs unmittelbar in die Nachbarschaftszentren integriert und machen gemeinschaftliche Mobilitätsangebote bequem zu Fuß erreichbar.
Der öffentliche Raum wird damit nicht als Zusatzangebot verstanden.
Er bildet die Grundlage des täglichen Zusammenlebens.
Mobilität als öffentlicher Raum
Das Mobilitätskonzept richtet sich konsequent am Menschen aus und nicht am Auto.
Der motorisierte Verkehr bleibt auf den äußeren Erschließungsring beschränkt.
Innerhalb der Nachbarschaften dominieren grüne Wohnwege, auf denen Fußgängerinnen, Radfahrer und spielende Kinder Vorrang haben.
Eine flexible Straßenzone verbindet Pflanzflächen, Sitzgelegenheiten, Fahrradabstellanlagen, Sharing-Angebote und Aufenthaltsbereiche zu einem multifunktionalen öffentlichen Raum.
Der ruhende Verkehr konzentriert sich in Mobility Hubs und Tiefgaragen, wodurch die Präsenz privater Fahrzeuge im Quartier deutlich reduziert wird.
Mobilität wird dadurch Teil der Landschaft – nicht ihr Gegensatz.
Mit dem Wasser leben
Die unmittelbare Nähe zur Nordsee verlangt nach einer Landschaft, die Wasser nicht verdrängt, sondern integriert.
Anstatt das bestehende Graben- und Entwässerungssystem zu ersetzen, wird es erhalten und als ökologisches Rückgrat des Quartiers weiterentwickelt.
Regenwassergärten, Versickerungsflächen und quartiersbezogene Retentionsräume bilden gemeinsam eine integrierte Schwammstadtstrategie.
Jeder Baublock bewirtschaftet Niederschlagswasser vor Ort, während ein zentraler Wasserpark sowohl Retentionsraum als auch Erholungslandschaft schafft.
Wasser wird dadurch nicht nur als technische Infrastruktur wahrgenommen.
Es wird Teil der alltäglichen Landschaft und prägt Identität sowie Klimaresilienz des Quartiers.
Klimaresilienz durch Landschaft
Die Anpassung an den Klimawandel ist nicht auf einzelne technische Maßnahmen beschränkt.
Sie durchzieht den gesamten öffentlichen Raum.
Klimaresiliente Baumarten stärken das städtische Kronendach.
Artenreiche Pflanzungen fördern Biodiversität und ökologische Vielfalt.
Naturnahe Materialien reduzieren den Pflegeaufwand und verbessern gleichzeitig die langfristige ökologische Leistungsfähigkeit.
Ein durchgehendes Netz wohnungsnaher Grünräume bietet Raum für Erholung, Urban Gardening, Kinderspiel und generationenübergreifende Begegnungen.
Diese Freiräume sind bewusst so verteilt, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner die Natur innerhalb weniger Gehminuten erreichen können.
Landschaft wird nicht nachträglich ergänzt.
Sie bildet die ökologische Infrastruktur, auf der das Quartier aufbaut.
Gemeinschaft durch Landschaft
Der Masterplan Westerwischloop zeigt, dass Landschaftsarchitektur Gemeinschaft lange vor dem Einzug der ersten Bewohnerinnen und Bewohner gestalten kann.
Der öffentliche Raum wird zum Medium, das ökologische Systeme, Mobilität und den Alltag miteinander verbindet.
Anstatt Umweltqualität und städtebauliche Qualität getrennt zu betrachten, versteht der Entwurf beide als Ausdruck derselben räumlichen Strategie.
Letztlich geht es bei diesem Projekt nicht nur um die Entwicklung eines neuen Wohnquartiers.
Es geht darum, jene räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, unter denen aus einem Quartier eine Nachbarschaft werden kann.
Mein Beitrag
Als Landscape Design Lead und Projektleiterin bei ensphere GmbH war ich verantwortlich für die Entwicklung der landschaftsarchitektonischen Gesamtstrategie sowie für die Koordination der Integration von Landschaft, Mobilität und Klimaresilienz innerhalb des interdisziplinären Masterplanungsprozesses.
Mein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung der landschaftlichen Grundstruktur des Quartiers – einschließlich des durchgehenden Loops, der Hierarchie der öffentlichen Räume, der Strategie für blau-grüne Infrastruktur, wassersensibler Stadtgestaltung, Biodiversitätsförderung sowie der Gestaltung der wohnungsnahen Freiräume.
In enger Zusammenarbeit mit Herz Architekten koordinierte ich die landschaftsarchitektonische Planung während des gesamten Wettbewerbsverfahrens und stellte sicher, dass der öffentliche Raum zur tragenden Struktur wurde, welche städtische Identität, ökologische Leistungsfähigkeit und das alltägliche Leben miteinander verbindet.
Dieses Projekt hat meine Überzeugung gestärkt, dass Landschaftsarchitektur weit mehr leistet als die Gestaltung von Orten.
Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass Gemeinschaft entstehen kann.
Projektinformationen
- Auftraggeber
- Stadt Cuxhaven
- Ort
- Cuxhaven, Deutschland
- Wettbewerbsergebnis
- 2. Preis
- Projekt
- Wohnquartier südlich Westerwischstrom
- Rolle
- Landscape Design Lead · Projektleiterin – ensphere GmbH
- Leistungen
- Landschaftsarchitektur · Freiraumplanung · Städtebaulicher Masterplan · Blau-grüne Infrastruktur · Wassersensible Stadtentwicklung · Klimaanpassung · Biodiversitätsstrategie
- Architekturpartner
- Herz Architekten – Studio Weiter
Bildnachweise
Wettbewerbsbeitrag von ensphere GmbH mit Herz Architekten – Studio Weiter.
Zeichnungen, Diagramme und Visualisierungen verbleiben © ensphere GmbH und Herz Architekten – Studio Weiter.


