„Die größte Herausforderung unserer Städte besteht heute nicht mehr darin, sie zu bauen, sondern darin, sie in einem sich erwärmenden Klima lebenswert zu erhalten.“
Städte für ein wärmeres Klima entwerfen
Städte waren seit jeher Ausdruck ihres Klimas. Straßen, Plätze und Freiräume entwickelten sich über Jahrhunderte im engen Zusammenspiel mit Wasser, Vegetation, Topografie und Wind. Schatten war kein gestalterischer Luxus, sondern eine selbstverständliche Voraussetzung für das städtische Leben. Öffentliche Räume entstanden aus einem tiefen Verständnis natürlicher Prozesse und lokaler Umweltbedingungen.
Mit der zunehmenden Urbanisierung des 20. Jahrhunderts ging ein großer Teil dieses Wissens verloren. Versiegelte Flächen, dichte Bebauung und hitzespeichernde Materialien verdrängten natürliche Kühlungsmechanismen und führten dazu, dass viele Städte heute deutlich anfälliger gegenüber extremen Temperaturen sind.
Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung erheblich.
Insbesondere in Südeuropa nehmen Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzewellen kontinuierlich zu. Extreme Hitze ist längst kein außergewöhnliches Wetterereignis mehr, sondern entwickelt sich zu einer dauerhaften Rahmenbedingung des urbanen Lebens. Sie beeinflusst die Gesundheit der Bevölkerung, die biologische Vielfalt, den Energieverbrauch, die Nutzbarkeit öffentlicher Räume sowie die Funktionsfähigkeit städtischer Infrastrukturen.
Athen zählt bereits heute zu den heißesten Hauptstädten Europas. Während sommerlicher Hitzeperioden verstärkt der städtische Wärmeinseleffekt die ohnehin hohen Temperaturen erheblich. Klimaprognosen zeigen, dass diese Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen wird.
Vor diesem Hintergrund reicht es nicht mehr aus, Klimaanpassung als technische Zusatzmaßnahme zu verstehen. Sie muss zu einem grundlegenden Entwurfsprinzip werden.
Gerade die Landschaftsarchitektur übernimmt dabei eine Schlüsselrolle. Die Freiräume zwischen den Gebäuden sind keine Restflächen. Sie bilden die ökologische Infrastruktur einer Stadt und entscheiden darüber, wie Menschen Hitze erleben, wie Wasser gespeichert wird, wie Biodiversität gefördert wird und wie widerstandsfähig urbane Räume gegenüber den Folgen des Klimawandels werden.
Die Heat Risk Reduction Guidelines des Hadrian Aqueduct Cooling District wurden aus genau dieser Überzeugung heraus entwickelt.
Anstatt ein einzelnes Bauprojekt zu beschreiben, formuliert die Publikation einen übertragbaren Planungs- und Gestaltungsrahmen, der wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Handlungsempfehlungen für Kommunen, Landschaftsarchitekt:innen, Stadtplaner:innen und Entscheidungsträger übersetzt.
Gleichzeitig vertritt sie eine grundlegende Haltung:
Klimaanpassung ist kein zusätzlicher Bestandteil der Stadtplanung.
Sie ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben.
Eine historische Infrastruktur neu denken
Unter den Straßen Athens verläuft eines der bedeutendsten wasserbaulichen Bauwerke der Antike: das Hadrian-Aquädukt.
Fast zweitausend Jahre lang versorgte dieses technische Meisterwerk die Stadt mit Wasser. Heute eröffnet es eine neue Perspektive auf den Umgang mit historischen Infrastrukturen.
Die Publikation versteht das Aquädukt nicht ausschließlich als archäologisches Erbe, sondern als Ausgangspunkt einer zeitgemäßen Strategie zur Klimaanpassung.
Das vorhandene Wasser wird dabei zu einem aktiven Bestandteil öffentlicher Räume.
Es unterstützt Bewässerungssysteme, verbessert das Mikroklima, stärkt die Biodiversität und schafft neue Möglichkeiten für klimaresiliente Freiraumentwicklung.
Das Aquädukt wird damit zu weit mehr als einem historischen Bauwerk.
Es wird zur räumlichen und konzeptionellen Grundlage einer neuen blau-grünen Infrastruktur, welche Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.
Wissenschaft in Planung übersetzen
Zwischen wissenschaftlicher Forschung und kommunaler Planung besteht häufig eine erhebliche Lücke.
Während zahlreiche Studien die Auswirkungen des Klimawandels präzise analysieren, fehlen vielerorts konkrete Instrumente, um dieses Wissen in Planungs- und Entwurfsprozesse zu integrieren.
Genau hier setzt der Leitfaden an.
Sein Ziel besteht darin, wissenschaftliche Erkenntnisse in unmittelbar anwendbare Planungswerkzeuge zu übersetzen.
Anstatt starre Lösungen vorzugeben, entwickelt die Publikation eine Methodik, die unterschiedliche räumliche Situationen berücksichtigt und gleichzeitig auf gemeinsamen ökologischen Prinzipien basiert.
Damit entsteht kein Regelwerk, sondern eine gemeinsame Entwurfssprache für klimaresiliente Freiräume.
Landschaft als Klimainfrastruktur
Städte werden nicht allein durch einen neuen Baum oder ein Wasserspiel kühler.
Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler räumlicher Systeme.
Diese systemische Betrachtungsweise bildet das Fundament der gesamten Publikation.
Hitze wird nicht als isoliertes technisches Problem verstanden, sondern als Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen Wasser, Vegetation, Boden, Materialien, Stadtraum und menschlicher Nutzung.
Aus diesem Grund gliedert sich der Leitfaden in fünf eng miteinander verknüpfte Themenfelder.
Wasser untersucht die Bedeutung wassersensibler Stadtplanung, nachhaltiger Bewässerung, Trinkwasserangebote, Wasserspiele und blau-grüner Infrastruktur für die Verbesserung des urbanen Mikroklimas.
Nature-based Solutions (NbS) zeigen auf, wie Vegetation, Bäume und ökologische Netzwerke Verschattung, Verdunstungskühlung und Biodiversität fördern und gleichzeitig langfristig widerstandsfähige Stadträume schaffen.
Materialien und öffentlicher Raum beschäftigen sich mit der Wirkung von Oberflächen, Farbigkeit, Albedo, Wasserdurchlässigkeit sowie der Gestaltung von Aufenthaltsbereichen auf den thermischen Komfort im Stadtraum.
Governance macht deutlich, dass erfolgreiche Klimaanpassung nicht ausschließlich durch gute Entwürfe entsteht, sondern ebenso durch geeignete Verwaltungsstrukturen, politische Entscheidungen und langfristige kommunale Strategien.
Partizipation schließlich versteht Klimaanpassung als gemeinschaftlichen Prozess. Durch Workshops, interdisziplinäre Zusammenarbeit und den Austausch mit Kommunen, Fachplanenden und lokalen Akteur:innen entstand eine Methodik, die wissenschaftliche Qualität mit praktischer Umsetzbarkeit verbindet.
Gemeinsam bilden diese fünf Systeme einen integrierten Ansatz, in dem Landschaft nicht als gestalterische Ergänzung verstanden wird, sondern als unverzichtbare Infrastruktur für klimaresiliente Städte.
Mehr als ein Leitfaden
Obwohl die Publikation als Planungsleitfaden entstanden ist, verfolgt sie ein weitergehendes Ziel.
Sie möchte Wissen nicht lediglich dokumentieren, sondern handlungsfähig machen.
Kommunen sollen in die Lage versetzt werden, fundierte Entscheidungen für klimaresiliente öffentliche Räume zu treffen und wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Projekte zu überführen.
Der Leitfaden versteht sich deshalb weniger als Sammlung einzelner Maßnahmen, sondern als Werkzeug zur Entwicklung neuer Planungs- und Entscheidungsprozesse.
Im Mittelpunkt stehen nicht standardisierte Lösungen, sondern ein systemisches Denken, das unterschiedliche Disziplinen miteinander verbindet und langfristige Resilienz ermöglicht.
Mein Beitrag
Als Lead Developer verantwortete ich die Entwicklung der Heat Risk Reduction Guidelines sowie den konzeptionellen Aufbau der gesamten Publikation.
Als Landschaftsarchitektin mit den Schwerpunkten Nature-based Solutions (NbS) sowie blau-grüne Infrastruktur bestand meine Aufgabe darin, wissenschaftliche Erkenntnisse in anwendbare Methoden der Freiraumplanung zu übersetzen.
Ich entwickelte die landschaftsarchitektonische Methodik, formulierte die grundlegenden Gestaltungsprinzipien, erarbeitete Strategien für Vegetation, Wasser und öffentliche Räume und koordinierte die Zusammenführung ökologischer, räumlicher und technischer Inhalte zu einem konsistenten Planungsansatz.
Darüber hinaus begleitete ich den interdisziplinären Austausch zwischen internationalen Resilienzorganisationen, Wissenschaft, Verwaltung und lokalen Akteur:innen.
Diese Zusammenarbeit war entscheidend dafür, wissenschaftliche Qualität und praktische Umsetzbarkeit gleichermaßen sicherzustellen.
Das Projekt hat mein Verständnis von Landschaftsarchitektur nachhaltig geprägt.
Es hat meine Überzeugung bestärkt, dass Landschaftsarchitekt:innen nicht nur Freiräume gestalten, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Werkzeuge übersetzen können, mit denen Städte den Herausforderungen des Klimawandels begegnen.
Nachhaltige Wirkung
Die Heat Risk Reduction Guidelines wurden für die Region Attika entwickelt.
Ihre Methodik ist jedoch bewusst so aufgebaut, dass sie weit über diesen räumlichen Kontext hinaus angewendet werden kann.
Sie zeigt, wie Landschaftsarchitektur gleichzeitig auf unterschiedlichen Maßstabsebenen wirken kann – vom einzelnen Platz über kommunale Strategien bis hin zu regionalen Klimaanpassungskonzepten.
Für mich markiert dieses Projekt einen wichtigen Meilenstein meiner beruflichen Entwicklung.
Es verdeutlicht einen Arbeitsansatz, der meine Projekte bis heute prägt:
Landschaftsarchitektur als Verbindung von Wissenschaft, Planung, Politik und gebautem öffentlichen Raum.
Projektinformationen
- Projekt
- Hadrian Aqueduct Cooling District — Heat Risk Reduction Guidelines
- Ort
- Attika, Griechenland
- Jahr
- 2022
- Typ
- Regionaler Leitfaden zur Klimaanpassung · Städtebauliches Rahmenwerk · Handbuch für Nature-based Solutions
- Rolle
- Lead Developer · Landschaftsarchitektin · Expertin für Nature-based Solutions (NbS) und blau-grüne Infrastruktur
- Professioneller Kontext
- Unabhängige Praxis
- Projektpartner
- Region Attika · Adrienne Arsht-Rockefeller Foundation Resilience Center · Atlantic Council · alchemia-nova Research & Innovation
Publikationen
Bildnachweise
Fotografien © Dimitra Theochari. Illustrationen, Diagramme und weitere Grafiken © jeweilige Projektpartner und Autor:innen.
Zitation: Theochari, D. et al. Hadrian Aqueduct Cooling District – Heat Risk Reduction Guidelines. Attika, Griechenland.


